Atmen - Ein Film von Karl Markovics

Ein Film von Karl Markovics

Synopsis

Der neunzehnjährige Roman Kogler steht kurz vor seiner möglichen vorzeitigen Haftentlassung aus der Jugendstrafanstalt. Doch Roman hat schlechte Karten - verschlossen, einzelgängerisch, ohne familiären Anschluss, scheint er für eine Sozialisierung unfähig. Ausgerechnet der Freigängerjob bei einem Bestattungsunternehmen führt Roman über den Umweg Tod zurück ins Leben.

INTERVIEW mit Karl Markovics
PRESSESTIMMEN zum Film

Interview mit Karl Markovics

Roman ist Freigänger. Tagsüber jobbt er bei einem Bestattungsunternehmen, abends muss er wieder ins Gefängnis zurück. Roman bewegt sich von einem gesellschaftlichen Tabubereich in den anderen. Es ging mir um diesen Spannungsbogen und das Motiv der Bewegung.

Was hat Sie grundsätzlich veranlasst, vom interpretierenden Erzählen ins kreative, filmische Erzählen zu wechseln?

KARL MARKOVICS - Schauspielen war eigentlich ein Umweg, und lange Zeit ein sehr befriedigender. Ich wusste schon immer, dass ich eines Tages etwas gänzlich eigenes schaffen möchte – eine Geschichte erfinden und sie zum Leben bringen. Mein Hang zu selbstquälerischem Perfektionismus war Schuld daran, dass es letztlich so lange gedauert hat.

Atmen ist ein vitales Grundbedürfnis und es ist auch Synonym für Freiheit. Der Gefängniswärter sagt zu Roman: „Du warst ein Heimkind, Du warst immer drinnen, nicht war?“ War es ihnen ein Bedürfnis, die Geschichte eines jungen Menschen zu erzählen, dessen Einstieg ins Leben in einer extremen Beschränktheit begonnen hat?

KARL MARKOVICS - Um ehrlich zu sein – das wurde es dann. Ich wollte zunächst mit meiner Geschichte gar nicht so viel wie die Geschichte dann selbst konnte. Das klingt jetzt esoterisch, aber wenn es eine gute Geschichte ist, die man erzählen muss, dann spricht sie zu einem und erzählt sich selbst. Meine Anfangsidee war banal. Alle Drehbuchideen fangen bei mir mit einem Bild an. Im Fall von „Atmen“ war das ein Wohnzimmer mit der Leiche einer alten Frau, die bäuchlings auf dem Boden liegt. Aus diesem ersten Bild, entwickelte sich die Neugier, einen Film über Bestatter zu machen. Ich wollte eine sehr beiläufige, alltägliche Geschichte über Menschen erzählen, die als Dienstleister mit dem Tod umgehen müssen. Das allein war natürlich noch keine Geschichte und deshalb prädestiniert dazu, wie viele meiner Drehbuch-Ideen zu enden – in der Schublade, ohne dass etwas damit passiert. Aber nach einiger Zeit erschien ein junger Mann in meinem Kopf und wollte in der Geschichte mitspielen. Es war ein Pirandello-Erlebnis, wie im Stück „Sechs Personen suchen einen Autor“ – das meine ich, wenn ich sage, wie stark eine Geschichte ihr Recht einfordern kann.

Wie würden Sie diesen jungen Mann, der in die Geschichte drängte, charakterisieren?

KARL MARKOVICS - Es geht um einen jungen Menschen, der aufgrund seiner Erfahrungen mit dem Leben seine Bedürfnisse auf ein Minimum beschränkt hat. Erst nach und nach entwickelt dieser Mensch ein Gefühl für Bedürfnisse und Erwartungen, ja überhaupt erst ein Gefühl für das Leben.

Roman musste ein Leben lang mit Absenz umgehen: Absenz der Eltern, von Zuwendung, von Freundschaft, Wärme, von vielen Dingen und Erfahrungen, die für andere eine Selbstverständlichkeit darstellen. War es dieser Grundton des Abwesenden, der dafür bestimmend war, dass die Nähe zu den Toten diesen Entwicklungs- und Findungsprozess in ihm in Gang setzt?

KARL MARKOVICS - Es ging um den Prozess einer Bewusstwerdung – das Leben ist das Leben und solange ich atme, kann ich etwas tun, danach nicht mehr.

... in der Konfrontation mit dem Ende der Existenz.

KARL MARKOVICS - Ja, zwangsläufig. Irgendwann ist das Gefängnis nicht mehr vertraut, sondern wird als Gefängnis begriffen. Und so groß die Angst vor neuerlicher Verletzung (vor erlittener wie begangener) auch ist, Roman stellt sich dem Leben.

Sie zeigen in „Atmen“ sehr reale Lebenswelten – das Gefängnisleben, Arbeitswelten, Arbeitsabläufe gepaart mit Machtverhältnissen, zwei Welten, die von der gesellschaftlichen Wahrnehmung weitgehend ausgeschlossen sind. Wie haben Ihre Recherchen ausgesehen?

KARL MARKOVICS - Egal ob Bestattung, Jugendgefängnis oder Bewährungshilfe, ich hatte überall das Glück auf Menschen zu treffen, die mich vorbehaltlos unterstützten und mir Einblick in ihre teilweise buchstäblich verschlossenen Welten gaben. Ich hätte ohne diese Recherchen das Drehbuch niemals schreiben können; das war mir schon nach den ersten Skizzen klar. Ich habe bestimmt drei Monate damit verbracht, allein die Welt der Bestatter kennen zu lernen.

Atmen handelt viel von Sprachlosigkeit, von wortkargen Menschen. Entschieden Sie sich gerade deshalb für diese Erzähltechnik in klaren Bildern?

KARL MARKOVICS - Das war die große Herausforderung von Anfang an. Da es um etwas ging, wo die Sprache an ihre Grenzen gerät, wollte ich von Beginn an in der Kommunikation eine sehr karge Umgebung schaffen. Es war mir wichtig, dass stets ein Eindruck der Beiläufigkeit gegeben ist und z.B. lange Passagen der Stille nicht als zu bedeutungsschwanger wahrgenommen werden, weil auch vorher nicht so viel gesprochen wird. Was dann allerdings gesagt wird, hat immer eine Bedeutung.

Es handelt sich dann aber oft um Passagen, die Sie bildlich in den Hintergrund stellen und ein Alltagsobjekt im Vordergrund dominieren lassen.

KARL MARKOVICS - Ich arbeite gern mit Metaphern. Metaphern durchziehen den ganzen Film. Je alltäglicher und beiläufiger sie eingesetzt werden, desto eher bleiben die Metaphern dort, wo sie hingehören, in der Metaebene. Metaphern helfen mir, indem sie in einer Bildsprache sprechen, die Dialoge auf ein Mindestmaß beschränken zu können.

Zu den besonders schönen Metaphern gehören die Aufnahmen im Schwimmbad, die eine wiederkehrende Rolle spielen – in Form vom Untergehen, Hochkommen, Schwimmen an der Oberfläche, Richtig-Atmen... Wie sehen Sie diese Wasserbilder, warum waren sie so wichtig?

KARL MARKOVICS - Ursprünglich hatte ich ans Laufen gedacht, weil ich das Motiv des Atmens etablieren wollte. Bei meinen Recherchen in der Jugendstrafanstalt fand ich heraus, dass es dort ein Hallenbad gibt, was mich dann auf die Idee des Schwimmens brachte. Durch das Wasser kommt ein neues Element ins Spiel, wo das Atmen in einer ganz anderen Art an Bedeutung gewinnt.

Können Sie etwas darüber erzählen, wie Sie gemeinsam mit Martin Gschlacht die Bildsprache von Atmen entwickelt haben?

KARL MARKOVICS - Da könnte ich endlos darüber sprechen. Die Zeit, in der ich mit Martin Gschlacht an der Auflösung gearbeitet habe, war für mich eine der erfüllendsten im ganzen Entstehungsprozess. Ich hatte zwar gewisse Vorstellungen von Bildlichkeit, aber bei weitem nicht so konkret. Martin hat mir die Augen dafür geöffnet, wie einfach und genau man etwas zeigen kann. Er hat in gewisser Weise das optische Äquivalent zu meinem Drehbuch verfasst.

Wie sind Sie an Prozesse wie Casting und Schauspielarbeit vom Standpunkt der Regie aus betrachtet herangegangen. Wie verlief die Suche nach/Vorbereitung mit dem Protagonisten?

KARL MARKOVICS - Ich konnte keinen Schauspieler casten, bevor ich nicht den Hauptdarsteller hatte. Er bedingte die Besetzung aller weiteren Darsteller. Nicole Schmied begann zunächst an verschiedensten Schulen, in U-Bahn-Zeitungen u.ä. zu inserieren. Aus rund 300 Kandidaten beim ersten Termin haben wir in zwei weiteren Durchgängen Thomas Schubert ausgewählt. Ich suchte einen nicht-professionellen Schauspieler, weil ich keinen 22-jährigen Abgänger einer Schauspielschule wollte, der einen 18-Jährigen spielt, ich wollte wirklich einen 18-Jährigen, der in manchen Momenten noch ein Kind ist.

Ihre Erzählweise ist eine sehr stark dem Realismus verpflichtete Erzählweise. Wenn man jetzt weniger von der Kameratechnik ausgeht als viel mehr von der Ökonomie des Erzählens, erinnert mich Atmen an die Brüder Dardenne, würden Sie dieser Assoziation zustimmen und welche anderen filmischen Erzähler haben Sie beeinflusst?

KARL MARKOVICS - “Beeindruckt“ ist das zutreffendere Wort. Grundsätzlich ist meine Art zu erzählen aber eine komplett andere. Mein Film ist durch seine Formstrenge, das Scope-Format, die Farbigkeit, den Einsatz von Musik um einiges stilisierter als die Filme von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Ich wollte von Anfang an einen Film machen, wo man als Zuschauer entscheiden kann, ob man rein will oder draußen bleibt. Und einen Rahmen geben, der immer daran erinnert, dass es eine Geschichte ist, auch wenn sie sich als scheinbare Realität darstellt.

Sie haben eingangs von weiteren Drehbüchern und Ideen erzählt, die möglicherweise ihre filmische Umsetzung erfahren werden.

KARL MARKOVICS - Ich schreibe Geschichten von einfachen Menschen, die einer Erkenntnis begegnen. Diese Begegnung in der Möglichkeit Film halte ich für unendlich spannend.

Interview - Karin Schiefer
März 2011
© Austrian Film Commission